Friday, November 25, 2005

1. Essay - Evolutionismus

Evolutionismus

„The word 'evolution' describes the process of qualitative change. Evolutionism is the scholarly activity of discribing, understanding and explaning this process. In cultural and social anthropology the gradual, structural change of human culture is the subject of study by evolutionists.”[1]

Henri J. M. Cleassen

Unter Evolution versteht man die Entstehung und Entwicklung einfacher Systeme hin zu Komplexeren sowie deren Weiterentwicklung oder deren Verfall. An der Spitze der Evolution, sprich auf der höchsten Entwicklungsstufe, steht stets das eigene System.

Das erste Aufkommen des Evolutionsgedanken bzw. die Beschäftigung mit den Unterschieden von gleichzeitig existierenden Kulturen, lässt sich auf das 17. und 18. Jahrhundert zurückführen. Hier leisteten vor allem die Philosophie und die Biologie entscheidende Beträge. In der Philosophie zählen Thomas Hobbes (1588-1679) zu den wichtigsten Vertretern. Hobbes postuliert, dass der Mensch grundsätzlich schlecht sei und geht von der Hypothese „Krieg aller gegen alle“ aus. Für ihn ist der Mensch zwar im Besitz der natürlichen Freiheit, aber er ist gleichzeitig auch das wildeste aller Tiere. Will man nun ein friedliches Zusammenleben der Menschen gewährleisten, dann benötigt man einen „Sozialvertrag“ und ein Autorität.

Rousseau hingegen geht davon aus, dass der Mensch gut ist und dieser nach gutem Zusammenleben strebt. Er verwendet für das Funktionieren des Zusammenlebens den Begriff des „contrat social“ (= Gesellschaftsvertrag).

Obwohl beide konträre Ansichten haben, sind sie sich dennoch einig die „fremden Menschen“ als ebenbürtig anzusehen. Laut Hobbes leben die „Fremden“ in einem primitiven Zustand ohne jeglichen Ordnung, während Rousseau das Konzept den Edlen Wilden in die Thematik einbringt. Dieses verkörpert seiner Ansicht nach die guten Eigenschaften des Menschen in einer Urform, die unsere Gesellschaft schon wieder verloren hätten.

In der Disziplin der Biologie ist der britische Naturforscher Charles Darwin (1809-1882) von enormer Bedeutung. Er hat als erster die Theorie eines natürlichen Prinzips für Evolution, nämlich das der natürlichen Selektion, aufgestellt. Diese wurde 1858 erstmals in dem Werk „Ursprung der Arten durch Mittel der natürlichen Selektion oder die Erhaltung bevorzugter Rassen im Kampf um das Leben“ veröffentlicht. Von Darwins Theorie lassen sich folgende vier Hypothesen[2] ableiten:

· Veränderlichkeit

Darwin geht davon aus, dass dich die Welt in einem kontinuierlichen Veränderungsprozess befindet.

· Gemeinsame Abstammung

· Allmählichkeit der Evolution

Dies bedeutet, dass Evolution immer allmählich erfolgt und nicht in Sprüngen.

· Natürliche Auslese

Die am besten angepassten Individuen haben die meisten Nachkommen, während die schlechter Angepassten dadurch verdrängt werden.

Letzten Endes war Darwins Theorie so erfolgreich, dass sich heutzutage alle modernen Evolutionstheorien von ihr ableiten lassen.

Aus dem Spannungsfeld der Philosophie und der Biologie, die sich beide mit der Frage beschäftigen was den Menschen ausmacht, entwickelt sich die Disziplin der Kultur- und Sozialanthropologie. Im folgenden sollen nun einige wichtige Vertreter näher eingegangen werden, die sich mit der Strömung des Evolutionismus auseinandergesetzt haben.

Edward Burnett Tylor (1832-1917) reiste gesundheitsbedingt für eine gewisse Zeit nach Mexiko, wo er von dem kulturellen Reichtum der eingeborenen Völker fasziniert war und so seine Leidenschaft für die Kultur- und Sozialanthropologie entdeckte. Nach seiner Rückkehr nahm er dann immer häufiger an den Treffen der Ethnological Society teil, wo über die Ähnlichkeit von „Wilden“ und den verlorenen Vorfahren der primitiven Menschheit spekulier wurde. Tylors wichtigste Publikation ist „Primitive Culture“ (1871) in der er den Versuch mach Kultur zu definieren:

„Culture, or civilisation, taken in ist wide ethnographic sense, is that complex whole which inkludes knowledge, belief, art, morals, law, custom, and any other capabilites and habits acquired by a man as member of society“[3]

Diese Definition von Kultur ist sehr weit gefasst und beinhaltet vermutlich alles was sich Tylor als Kultur vorstellen konnte. Das heißt, der Definition mangelt es an Klarheit. Für Tylor gibt es grundsätzlich nur eine Kultur, in der die gesamten Stufenmodelle enthalten sind.

Weiters ist er der Ansicht, wenn man kulturell vergleichend arbeiten möchte, dann muss man die Kultur zuerst in Fragmente zerlegen. Diese werden abschließend in klassifikatorische Gruppen eingeteilt. Das Problem bei seiner methodologischen Überlegungen besteht jedoch darin, dass er die klassifikatorischen Gruppen mit denen er eine Stufenfolge aufstellt, nicht definiert hat.

Abgesehen davon hat Tylor das Konzept des Surivals in die Kultur- und Sozialanthropologie eingebracht. Survivals ist die Bezeichnung für kulturelle Merkmale, die früher brauchbar und sinnvoll waren und sich über ihre Zeit hinaus erhalten haben.

Tylors Hauptinteresse galt jedoch der Evolution von Religion. Für ihn ist Religion das Produkt von den eigenen Bemühungen die Welt zu verstehen und zu erklären. Er erstellte folgendes Stufenmodell der Religionsentwicklung:

· Animismus (= Verehrung der belebten Natur)

· Manismus (= Ahnenkult)

· Totemismus (= Glaube an die übernatürliche Kraft eines Totem und seine Verehrung)

· Fetischismus (= Verehrung von „Götzen“)

· Polytheismus (= Vielgötterei)

· Monotheismus (= Eingottglaube)

Nach Tylors Stufenfolge muss jeder die einzelnen Formen des religiösen Denkens durchlaufen. Den Anfang markiert der Animismus und das angestrebte Ziel der Entwicklung lautet Monotheismus. Heute weiß man, dass es in der Religion keine derartige Entwicklung von einer Stufe zur nächsten gibt. Obwohl der Inhalt von Tylors Modell als obsolet erklärt wurde, so sind die von ihm eingeführten Begriffe dennoch von großer Bedeutung für die Kultur- und Sozialanthropologie.

Ein ebenfalls wichtiger Vertreter des Evolutionismus ist Lewis Henry Morgan (1818-1882). Er wird in den USA als Gründungsvater der professionellen Anthropologie gefeiert. Ursprünglich war Morgan als Rechtsanwalt für die Eisenbahn Investoren tätig. Bei seinen geschäftlichen Reisen nutzte er jedoch die Gelegenheit die Indianischen Reservationen zu besuchen. Sein bedeutendes Werk „Leaguer of the Ho-de-no-sau-ne or Iroquois“ (1851) basiert auf direkte Untersuchungen und Beobachtungen bei den Iroquois. In der Publikation beschreibt er systematisch die Umgebung, den Lebensunterhalt, Verwandtschaft, Zeremonien, Religionen und Politik. Kurz gesagt, die Publikation ist eine detaillierte Ethnographie der Iroquois.

Zusätzlich beschäftigte sich Morgan speziell mit Verwandtschaftsterminologie und nahm erstmals eine Unterscheidung in deskriptive und klassifikatorische Terminologien vor.

1877 veröffentlichte Morgan „Ancient Society“. In diesem Werk zeit er drei große Stufen der Entwicklung des Menschen auf, nämlich Wildheit – Barbarei – Zivilisation. Diese drei Entwicklungsstufen korreliert er mit folgenden Wirtschaftsformen:

· Wildheit → Jäger und Sammler

· Barbarei → Nomaden und Bodenbauern

· Zivilisation → staatlich organisierte Agrargesellschaften

Die von Morgan eingeführten Begriffe in dem Modell haben heute längst keine Gültigkeit mehr, aber deren Inhalt spielt in der Kultur- und Sozialanthropologie eine wesentliche Rolle.

Weitere Vertreter der evolutionistischen Strömung waren John F. McLennan (1827-1881) und James George Frazer (1854-1941). McLennan beschäftigte sich vorwiegend mit der Evolution der Heirat (siehe „Primitive Marriage“, 1865. Sein Schema geht von primitiver Promiskuität (=Geschlechtsverkehr mit verschiedenen, häufig wechselnden Partnern) über Gruppenheirat und Polygamie hin zu Monogamie. Frazer hat sich vor allem mit den Themen Magie und Religion auseinandergesetzt und seine Ergebnisse in einer 13-teiligen Serie mit dem Titel „The Golden Bough“ veröffentlicht.

Heutzutage wird der Evolutionismus in der Kultur- und Sozialanthropologie hauptsächlich negativ bewertet. Warum das so ist, soll nun an Hand von einigen Kritikpunkten aufgezeigt werden:

· Die genannten Vertreter dieser Strömung gehen alle davon aus, dass jeder Mensch die besprochenen Phasen bzw. Stufen durchlaufen muss. D.h. es wird von Unlinearität ausgegangen und ist daher viel zu dogmatisch. Aus heutiger Sicht weiß man, dass nicht alle diese Phasen tatsächlich durchlaufen haben.

· Als höchste Entwicklungsstufe wird, wie zu Beginn erwähnt, immer die eigene Gesellschaft gesehen. Dies bedeutet, dass alle anderen auf dieses Stadium zustreben müssen. Eine solchen Ansicht ist höchst ethnozentristisch und ist daher nicht vertretbar.

· Die zuvor beschriebene Art des Evolutionismus kann nicht als wissenschaftlich erachtet werden, da diese als Propagandamittel verwendet wurde, indem man leugnete, dass bestimmte Kulturen in der Evolution vom Westen abgeschnitten wurden (siehe Kolonialismus).

· Vor allem in der Form des Sozialdarwinismus ist es zu einer allzu einseitigen Determinierung des Menschen und zur Abschwächung des sozialen Bereiches gekommen.

· Die Kultur- und Sozialanthropologen dieser Zeit waren sogenannte „Armchair Anthropologists“. Das bedeutet, dass sie sich nur auf Informationen von Forschungsberichten, die von anderen Menschen geschrieben wurden, verlassen haben (wie zB Missionarsberichte, Reiseberichte usw.). Sie selbst haben also keinerlei Feldforschung betrieben. Die einzige Ausnahme in diesem Bereich ist Lewis Henry Morgan, der als Vorläufer der Feldforschung betrachtet werden kann (siehe Untersuchungen bei den Iroquois).

Der Evolutionismus darf jedoch nicht nur negativ gesehen werden. Einig Beiträge dieser Anthropologen waren dennoch wichtig für die Disziplin der Kultur- und Sozialanthropologie. Sie haben wichtige Dokumentationsarbeit geleistet und waren eine Motivation für die nächste Generation von Anthropologen. Abgesehen davon leisteten sie wichtige Beiträge zur Findung von diversen Terminologien (siehe Tylor, Morgan ...)

Nicht nur die Kultur- und Sozialanthropologie war von dem Evolutionsgedanken lange beeinflusst, sondern dies traf und trifft auch auf viele andere wissenschaftliche Disziplinen zu. Ein Paradebeispiel des kontinuierlichen Evolutionismus findet man in der Biologie. Angefangen mit der Theoriebildung von Charles Darwin im 19. Jahrhundert geht man auch heute davon aus, dass Evolution auf allen Ebenen der belebten Welt - vom Molekül bis zum Ökosystem - wirkt. In anderen Bereichen wie Politik oder Wirtschaft kann, man ganz allgemein gesprochen, ebenfalls die diversesten Evolutionen finden. In der Wirtschaft wird beispielsweise der Kapitalismus als höchste Entwicklungsstufe angesehen oder Demokratie in der Politik. Dies geht sogar so weit, dass die westlichen Länder den aus ihrer sicht weniger entwickelten Ländern ihre höchsten Evolutionsstufen aufzwingen ohne die Menschen vor Ort um ihre Meinung zu fragen.

Abschließend soll gesagt werden, dass obwohl es im Evolutionismus eine Reihe von Fehlentwicklungen und Fehlentscheidungen gegeben hat, sollte man nicht darauf verzichten sich mit dieser kultur- und sozialanthropologischen Strömung auseinander zu setzen. Im Endeffekt denke ich waren die gewonnenen Erfahrungen ein wichtiger Impuls um zur heutigen Form der Kultur- und Sozialanthropologie zu kommen, die bemüht ist nicht ethnozentristisch zu arbeiten und sich von solchen starren Schemen verabschiedet hat.

Verwendete Quellen:

Barnard, Alan und Spencher, Jonathan: „Encylopedia of Social and Cultural Anthropology”, London 1996

Barnard, Alan: „History and Theory in Anthropology“, Cambridge 2000

Bath, Frederik: „One Discipline, Four Ways – British, German, French, and American Anthropology“; Chicago 2005

2. Vo zur “Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie“ vom 19.10.2005

http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Darwin am 24.11.2005



[1] Barnard, Alan und Spencer, Jonathan:” Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology”, London 1996, S. 213.

[2] Entnommen von http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Darwin am 24.11.2005.

[3] Barth, Frederik: „One Discipline, Four Ways – British, German, French, and American Anthropology”, Chicago 2005, S. 7.

Thursday, October 27, 2005

1. Essay - Evolutionismus

Evolutionismus

„The word 'evolution' describes the process of qualitative change. Evolutionism is the scholarly activity of discribing, understanding and explaning this process. In cultural and social anthropology the gradual, structural change of human culture is the subject of study by evolutionists.”[1]

Henri J. M. Cleassen

Unter Evolution versteht man die Entstehung und Entwicklung einfacher Systeme hin zu Komplexeren sowie deren Weiterentwicklung oder deren Verfall. An der Spitze der Evolution, sprich auf der höchsten Entwicklungsstufe, steht stets das eigene System.

Das erste Aufkommen des Evolutionsgedanken bzw. die Beschäftigung mit den Unterschieden von gleichzeitig existierenden Kulturen, lässt sich auf das 17. und 18. Jahrhundert zurückführen. Hier leisteten vor allem die Philosophie und die Biologie entscheidende Beträge. In der Philosophie zählen Thomas Hobbes (1588-1679) zu den wichtigsten Vertretern. Hobbes postuliert, dass der Mensch grundsätzlich schlecht sei und geht von der Hypothese „Krieg aller gegen alle“ aus. Für ihn ist der Mensch zwar im Besitz der natürlichen Freiheit, aber er ist gleichzeitig auch das wildeste aller Tiere. Will man nun ein friedliches Zusammenleben der Menschen gewährleisten, dann benötigt man einen „Sozialvertrag“ und ein Autorität.

Rousseau hingegen geht davon aus, dass der Mensch gut ist und dieser nach gutem Zusammenleben strebt. Er verwendet für das Funktionieren des Zusammenlebens den Begriff des „contrat social“ (= Gesellschaftsvertrag).

Obwohl beide konträre Ansichten haben, sind sie sich dennoch einig die „fremden Menschen“ als ebenbürtig anzusehen. Laut Hobbes leben die „Fremden“ in einem primitiven Zustand ohne jeglichen Ordnung, während Rousseau das Konzept den Edlen Wilden in die Thematik einbringt. Dieses verkörpert seiner Ansicht nach die guten Eigenschaften des Menschen in einer Urform, die unsere Gesellschaft schon wieder verloren hätten.

In der Disziplin der Biologie ist der britische Naturforscher Charles Darwin (1809-1882) von enormer Bedeutung. Er hat als erster die Theorie eines natürlichen Prinzips für Evolution, nämlich das der natürlichen Selektion, aufgestellt. Diese wurde 1858 erstmals in dem Werk „Ursprung der Arten durch Mittel der natürlichen Selektion oder die Erhaltung bevorzugter Rassen im Kampf um das Leben“ veröffentlicht. Von Darwins Theorie lassen sich folgende vier Hypothesen[2] ableiten:

· Veränderlichkeit

Darwin geht davon aus, dass dich die Welt in einem kontinuierlichen Veränderungsprozess befindet.

· Gemeinsame Abstammung

· Allmählichkeit der Evolution

Dies bedeutet, dass Evolution immer allmählich erfolgt und nicht in Sprüngen.

· Natürliche Auslese

Die am besten angepassten Individuen haben die meisten Nachkommen, während die schlechter Angepassten dadurch verdrängt werden.

Letzten Endes war Darwins Theorie so erfolgreich, dass sich heutzutage alle modernen Evolutionstheorien von ihr ableiten lassen.

Aus dem Spannungsfeld der Philosophie und der Biologie, die sich beide mit der Frage beschäftigen was den Menschen ausmacht, entwickelt sich die Disziplin der Kultur- und Sozialanthropologie. Im folgenden sollen nun einige wichtige Vertreter näher eingegangen werden, die sich mit der Strömung des Evolutionismus auseinandergesetzt haben.

Edward Burnett Tylor (1832-1917) reiste gesundheitsbedingt für eine gewisse Zeit nach Mexiko, wo er von dem kulturellen Reichtum der eingeborenen Völker fasziniert war und so seine Leidenschaft für die Kultur- und Sozialanthropologie entdeckte. Nach seiner Rückkehr nahm er dann immer häufiger an den Treffen der Ethnological Society teil, wo über die Ähnlichkeit von „Wilden“ und den verlorenen Vorfahren der primitiven Menschheit spekulier wurde. Tylors wichtigste Publikation ist „Primitive Culture“ (1871) in der er den Versuch mach Kultur zu definieren:

„Culture, or civilisation, taken in ist wide ethnographic sense, is that complex whole which inkludes knowledge, belief, art, morals, law, custom, and any other capabilites and habits acquired by a man as member of society“[3]

Diese Definition von Kultur ist sehr weit gefasst und beinhaltet vermutlich alles was sich Tylor als Kultur vorstellen konnte. Das heißt, der Definition mangelt es an Klarheit. Für Tylor gibt es grundsätzlich nur eine Kultur, in der die gesamten Stufenmodelle enthalten sind.

Weiters ist er der Ansicht, wenn man kulturell vergleichend arbeiten möchte, dann muss man die Kultur zuerst in Fragmente zerlegen. Diese werden abschließend in klassifikatorische Gruppen eingeteilt. Das Problem bei seiner methodologischen Überlegungen besteht jedoch darin, dass er die klassifikatorischen Gruppen mit denen er eine Stufenfolge aufstellt, nicht definiert hat.

Abgesehen davon hat Tylor das Konzept des Surivals in die Kultur- und Sozialanthropologie eingebracht. Survivals ist die Bezeichnung für kulturelle Merkmale, die früher brauchbar und sinnvoll waren und sich über ihre Zeit hinaus erhalten haben.

Tylors Hauptinteresse galt jedoch der Evolution von Religion. Für ihn ist Religion das Produkt von den eigenen Bemühungen die Welt zu verstehen und zu erklären. Er erstellte folgendes Stufenmodell der Religionsentwicklung:

· Animismus (= Verehrung der belebten Natur)

· Manismus (= Ahnenkult)

· Totemismus (= Glaube an die übernatürliche Kraft eines Totem und seine Verehrung)

· Fetischismus (= Verehrung von „Götzen“)

· Polytheismus (= Vielgötterei)

· Monotheismus (= Eingottglaube)

Nach Tylors Stufenfolge muss jeder die einzelnen Formen des religiösen Denkens durchlaufen. Den Anfang markiert der Animismus und das angestrebte Ziel der Entwicklung lautet Monotheismus. Heute weiß man, dass es in der Religion keine derartige Entwicklung von einer Stufe zur nächsten gibt. Obwohl der Inhalt von Tylors Modell als obsolet erklärt wurde, so sind die von ihm eingeführten Begriffe dennoch von großer Bedeutung für die Kultur- und Sozialanthropologie.

Ein ebenfalls wichtiger Vertreter des Evolutionismus ist Lewis Henry Morgan (1818-1882). Er wird in den USA als Gründungsvater der professionellen Anthropologie gefeiert. Ursprünglich war Morgan als Rechtsanwalt für die Eisenbahn Investoren tätig. Bei seinen geschäftlichen Reisen nutzte er jedoch die Gelegenheit die Indianischen Reservationen zu besuchen. Sein bedeutendes Werk „Leaguer of the Ho-de-no-sau-ne or Iroquois“ (1851) basiert auf direkte Untersuchungen und Beobachtungen bei den Iroquois. In der Publikation beschreibt er systematisch die Umgebung, den Lebensunterhalt, Verwandtschaft, Zeremonien, Religionen und Politik. Kurz gesagt, die Publikation ist eine detaillierte Ethnographie der Iroquois.

Zusätzlich beschäftigte sich Morgan speziell mit Verwandtschaftsterminologie und nahm erstmals eine Unterscheidung in deskriptive und klassifikatorische Terminologien vor.

1877 veröffentlichte Morgan „Ancient Society“. In diesem Werk zeit er drei große Stufen der Entwicklung des Menschen auf, nämlich Wildheit – Barbarei – Zivilisation. Diese drei Entwicklungsstufen korreliert er mit folgenden Wirtschaftsformen:

· Wildheit → Jäger und Sammler

· Barbarei → Nomaden und Bodenbauern

· Zivilisation → staatlich organisierte Agrargesellschaften

Die von Morgan eingeführten Begriffe in dem Modell haben heute längst keine Gültigkeit mehr, aber deren Inhalt spielt in der Kultur- und Sozialanthropologie eine wesentliche Rolle.

Weitere Vertreter der evolutionistischen Strömung waren John F. McLennan (1827-1881) und James George Frazer (1854-1941). McLennan beschäftigte sich vorwiegend mit der Evolution der Heirat (siehe „Primitive Marriage“, 1865. Sein Schema geht von primitiver Promiskuität (=Geschlechtsverkehr mit verschiedenen, häufig wechselnden Partnern) über Gruppenheirat und Polygamie hin zu Monogamie. Frazer hat sich vor allem mit den Themen Magie und Religion auseinandergesetzt und seine Ergebnisse in einer 13-teiligen Serie mit dem Titel „The Golden Bough“ veröffentlicht.

Heutzutage wird der Evolutionismus in der Kultur- und Sozialanthropologie hauptsächlich negativ bewertet. Warum das so ist, soll nun an Hand von einigen Kritikpunkten aufgezeigt werden:

· Die genannten Vertreter dieser Strömung gehen alle davon aus, dass jeder Mensch die besprochenen Phasen bzw. Stufen durchlaufen muss. D.h. es wird von Unlinearität ausgegangen und ist daher viel zu dogmatisch. Aus heutiger Sicht weiß man, dass nicht alle diese Phasen tatsächlich durchlaufen haben.

· Als höchste Entwicklungsstufe wird, wie zu Beginn erwähnt, immer die eigene Gesellschaft gesehen. Dies bedeutet, dass alle anderen auf dieses Stadium zustreben müssen. Eine solchen Ansicht ist höchst ethnozentristisch und ist daher nicht vertretbar.

· Die zuvor beschriebene Art des Evolutionismus kann nicht als wissenschaftlich erachtet werden, da diese als Propagandamittel verwendet wurde, indem man leugnete, dass bestimmte Kulturen in der Evolution vom Westen abgeschnitten wurden (siehe Kolonialismus).

· Vor allem in der Form des Sozialdarwinismus ist es zu einer allzu einseitigen Determinierung des Menschen und zur Abschwächung des sozialen Bereiches gekommen.

· Die Kultur- und Sozialanthropologen dieser Zeit waren sogenannte „Armchair Anthropologists“. Das bedeutet, dass sie sich nur auf Informationen von Forschungsberichten, die von anderen Menschen geschrieben wurden, verlassen haben (wie zB Missionarsberichte, Reiseberichte usw.). Sie selbst haben also keinerlei Feldforschung betrieben. Die einzige Ausnahme in diesem Bereich ist Lewis Henry Morgan, der als Vorläufer der Feldforschung betrachtet werden kann (siehe Untersuchungen bei den Iroquois).

Der Evolutionismus darf jedoch nicht nur negativ gesehen werden. Einig Beiträge dieser Anthropologen waren dennoch wichtig für die Disziplin der Kultur- und Sozialanthropologie. Sie haben wichtige Dokumentationsarbeit geleistet und waren eine Motivation für die nächste Generation von Anthropologen. Abgesehen davon leisteten sie wichtige Beiträge zur Findung von diversen Terminologien (siehe Tylor, Morgan ...)

Nicht nur die Kultur- und Sozialanthropologie war von dem Evolutionsgedanken lange beeinflusst, sondern dies traf und trifft auch auf viele andere wissenschaftliche Disziplinen zu. Ein Paradebeispiel des kontinuierlichen Evolutionismus findet man in der Biologie. Angefangen mit der Theoriebildung von Charles Darwin im 19. Jahrhundert geht man auch heute davon aus, dass Evolution auf allen Ebenen der belebten Welt - vom Molekül bis zum Ökosystem - wirkt. In anderen Bereichen wie Politik oder Wirtschaft kann, man ganz allgemein gesprochen, ebenfalls die diversesten Evolutionen finden. In der Wirtschaft wird beispielsweise der Kapitalismus als höchste Entwicklungsstufe angesehen oder Demokratie in der Politik. Dies geht sogar so weit, dass die westlichen Länder den aus ihrer sicht weniger entwickelten Ländern ihre höchsten Evolutionsstufen aufzwingen ohne die Menschen vor Ort um ihre Meinung zu fragen.

Abschließend soll gesagt werden, dass obwohl es im Evolutionismus eine Reihe von Fehlentwicklungen und Fehlentscheidungen gegeben hat, sollte man nicht darauf verzichten sich mit dieser kultur- und sozialanthropologischen Strömung auseinander zu setzen. Im Endeffekt denke ich waren die gewonnenen Erfahrungen ein wichtiger Impuls um zur heutigen Form der Kultur- und Sozialanthropologie zu kommen, die bemüht ist nicht ethnozentristisch zu arbeiten und sich von solchen starren Schemen verabschiedet hat.

Verwendete Quellen:

Barnard, Alan und Spencher, Jonathan: „Encylopedia of Social and Cultural Anthropology”, London 1996

Barnard, Alan: „History and Theory in Anthropology“, Cambridge 2000

Bath, Frederik: „One Discipline, Four Ways – British, German, French, and American Anthropology“; Chicago 2005

2. Vo zur “Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie“ vom 19.10.2005

http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Darwin am 24.11.2005



[1] Barnard, Alan und Spencer, Jonathan:” Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology”, London 1996, S. 213.

[2] Entnommen von http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Darwin am 24.11.2005.

[3] Barth, Frederik: „One Discipline, Four Ways – British, German, French, and American Anthropology”, Chicago 2005, S. 7.